"Denn weiter als der Himmel ist die Liebe...."
(Quelle: Fotografien über die Träume der Engel.
Axelrod, Gerald, Angelico, Liane.
Eulen Verlag, 2002)
Die Würde des Menschen
Als ich als junge Schwester im Krankenhaus arbeitete,
wurde eine Frau eingeliefert, die direkt von der Feldarbeit kam.
Sie trug noch ihre Arbeitskleidung, die verschmutzt war,
und war verschwitzt.
Ich weiß noch, daß ich damals peinlich berührt war.
Ich denke, ich war noch zu jung, um zu verstehen,
daß die Würde des Menschen unabhängig ist
von seinem äußeren Erscheinungsbild.
Viele Jahre später gab es ein Geschehnis,
das mich noch viel tiefer bewegte.
Mama war beim Zeitungsaustragen nachts
bei Glatteis gestürzt
und hatte sich eine Platzwunde am Kopf zugezogen,
die sehr blutete.
Sie stillte die Blutung mit dem, was sie bei sich trug,
und trug dann, tapfer, wie sie war,
weiter Zeitung aus, bis sie fertig war.
Dann begab sie sich so, wie sie war,
direkt zu ihrem Hausarzt.
Dieser meinte, sie habe großes Glück gehabt,
daß die Blutung durch die große Kälte zum Stillstand gekommen sei.
Nun müsse man jedoch abwarten, bis ihr Notverband aufgetaut sei,
damit er die Wunde versorgen könne.
Er bat Mama, solange bei ihm in der Praxis zu bleiben,
und seine Frau, die in der Praxis mitarbeitete, bat er,
für Mama ein Frühstück zuzubereiten.
Er wußte, daß sie seit Stunden unterwegs gewesen war
und hungrig sein mußte.
Diese zutiefst menschliche Geste berührt mich noch heute.
Gerade in seiner Bedürftigkeit - gleich welcher Art -
ist der Mensch am meisten darauf angewiesen,
daß wir würdevoll mit ihm umgehen.
Heiligabend
Erster Advent
Als ich Kind war, liebte ich die Adventszeit ganz besonders,
und das ist bis heute so geblieben.
Die Häuser waren festlich geschmückt mit Symbolen der Hoffnung -
Zweigen, Sternen und Engeln.
Mama backte wunderbare "Gutsle".
In der Schule und später im Internat wurde "gewichtelt".
Per Losverfahren wurde einem jemand zugewiesen, dem/der
man in der Adentszeit durch besondere Aufmerksamkeiten
(gute Worte, feine Gesten, kleine Geschenke) Freude bereiten sollte.
Dabei wußte niemand, von wem er/sie "betreut" wurde, man konnte
es nur an der Art der Aufmerksamkeiten erahnen.
In der Kirche wurde jeden Sonntag eine weitere Kerze
am Adventskranz entzündet.
Der Pfarrer trug noch nicht das festliche Gewand von Weihnachten,
sondern ein violettes, denn es war die Zeit der Buße und Umkehr.
Die Lieder, die man sang, waren voller Sehnsucht und Hoffnung
auf den Retter und Erlöser, der Frieden und Liebe zu uns Menschen bringen sollte.
Alles war voll festlicher Erwartung,
und ich konnte es konnte es kaum erwarten,
dass es endlich Weihnachten wurde.