Sonntag, 24. Juli 2022

 

"Die Wieder-Entdeckung der Langsamkeit"*

(* in Anlehnung an den Titel 
eines Romans von Sten Nadolny)



Wenn man etwas langsam tut, gelingt es einem meist.

Man ist konzentriert, sorgfältig, liebevoll.

Man möchte dem Gegenstand oder der Angelegenheit gerecht werden.


Leider gilt Langsamkeit mittlerweile eher als Manko denn als Stärke.

Kaum jemand möchte langsam sein oder für langsam gelten.


Doch: In der Ruhe liegt die Kraft.

Und: Alles braucht seine Zeit.


Was mit Bedacht entstanden ist,

ist meist wertvoller und nachhaltiger.



Sonntag, 10. Juli 2022

 

Das Karussell

Jardin du Luxembourg


Mit einem Dach und seinem Schatten dreht
sich eine kleine Weile der Bestand
von bunten Pferden, alle aus dem Land,
das lange zögert, eh es untergeht.
Zwar manche sind an Wagen angespannt,
doch alle haben Mut in ihren Mienen;
ein böser roter Löwe geht mit ihnen
und dann und wann ein weißer Elefant.

Sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald,
nur dass er einen Sattel trägt und drüber
ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.

Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge
und hält sich mit der kleinen heißen Hand
dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und auf den Pferden kommen sie vorüber,
auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge
fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge
schauen sie auf, irgendwohin, herüber -

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und das geht hin und eilt sich, dass es endet,
und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,
ein kleines kaum begonnenes Profil -.
Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,
ein seliges, das blendet und verschwendet
an dieses atemlose blinde Spiel. . .


Rainer Maria Rilke, Juni 1906, Paris



Sonntag, 19. Juni 2022



Schaukeln


Wenn ich an einem Spielplatz vorbeikomme,

schaue ich, ob gerade Kinder oder Eltern mit ihren Kindern

anwesend sind.


Ist dies nicht der Fall, und ist die Schaukel mit einer Stahlkette befestigt,

so dass sie mein Gewicht tragen kann,

schaukle ich.


Das Schaukeln setzt Energie frei,

Freude stellt sich ein 

und ein Gefühl von Freiheit....


Einmal, als ich gerade schaukelte,

kam ein kleiner Junge vorbei,

setzte sich auf die Schaukel neben mich

und schaute mir zu.


Als ich schon ziemlich hoch geschaukelt war,

rief ich ihm zu:

"Gleich mache ich einen Überschlag!"

Er rief zurück:

"Mach' 'mal!"


Das ist das Schöne an Kindern.

In ihrer kleinen Welt ist noch alles möglich,

es gibt keine Gefahr.


 

Sonntag, 5. Juni 2022

 Pfingstsonntag


Eigentlich sollte an dieser Stelle

das Lied 

"On your shore"

von Enya

stehen.


Leider war es nicht so zu bekommen,

wie ich es mir wünschte: 

Pur, ohne Kommerz.

Dafür wäre ich gerne bereit gewesen,

auch ein Entgelt zu entrichten.


Schade.


Wer möchte, kann es sich dennoch gerne auf YouTube anhören.


Es ist ein sehr schönes Stück.




Sonntag, 15. Mai 2022

 


"Gesänge der Frühe"*

                                    *nach dem Titel eines Klavierzyklus' von Robert Schumann
(Komponist, 1810-1856)


Irgendwann im März hörte ich in den frühen Morgenstunden

vor meinem Fenster wenige leise, verhaltene Töne.

Es klang in etwa wie die Frage

"Ist jemand außer mir schon wach?"


Darauf folgte eine längere Pause, dann kam Antwort.

Und wenig später setzte noch eine dritte Stimme ein.


Da wußte ich: Die Singvögel singen wieder.

Von nun an bis Ende Juli 

werden sie in der Morgen- und Abenddämmerung 

ihre kleinen Partituren vortragen.

Mal eher gleichförmig, mal phantasievoll, 

je nach Stimmungslage.

Und ich freute mich.


Eine liebe Bekannte sagte einmal,

selbst wenn es einem 'mal nicht so gut gehe

und man höre die Vögel singen,

dann denke man doch "Alles wird gut".


Wie wahr.